Sonne tut dem Körper gut. Denn Sonnenlicht fördert die Bildung von Vitamin D in der Haut. Das Sonnenvitamin ist offenbar ein richtiges Multitalent: Neue Studien zeigen, dass es nicht nur die Knochen stärkt, sondern auch vor Krebs, Multipler Sklerose und Bluthochdruck schützt. Doch vielen Menschen hier zu Lande mangelt es an dem wertvollen Vitamin.
Der Grund dafür: Die Schweizer bekommen zu wenig Sonne und damit zu wenig UV-B-Licht ab. Die Mediziner sind sich weit gehend einig, dass es den Vitamin-D-Mangel zu kompensieren gilt. Nur wie – mit mehr Sonne, Lebertran oder Vitamin-D-Tropfen?
Bernhard Hess von der Hirslanden-Klinik Im Park in Zürich rät zu mehr Sonne. «Der Vitaminmangel ist das Resultat eines fast neurotischen Antiaging- und Antikrebs-Verhaltens», sagt er. Sein Rat: sich dreimal wöchentlich für ungefähr zehn Minuten mit unbedecktem Kopf und nackten Armen ungeschützt der Sonne aussetzen.
Von solchen Empfehlungen hält Reinhard Dummer, Dermatologe am Universitätsspital Zürich, gar nichts: «Wer sich ungeschützt der Sonne aussetzt, nimmt in Kauf, dass die UV-B-Strahlen die Erbsubstanz schädigen und daraus Hautkrebs entsteht.» Ausdrücklich rät er dazu, sich im Freien zu bewegen, aber nicht ohne Sonnenschutz. «Eine vernünftige Sonnencrème schützt die Haut und ermöglicht dennoch die Vitamin-D-Produktion, weil es dafür nur minimale Mengen an UV-B braucht», so Dummer. Selbst Crèmes mit Lichtschutzfaktor 30 liessen noch genügend kurzwelliges Licht durch.
Vitamin-D-Versorgung muss über sicheren Weg erfolgen
«Die Empfehlung, sich regelmässig zehn Minuten lang zu sonnen, ist grundsätzlich nicht falsch», sagt wiederum Vitamin-D-Forscherin Heike Bischoff-Ferrari vom Universitätsspital Zürich. Sie fürchtet aber, «dass sich die Leute nicht an die empfohlenen zehn Minuten halten und länger ungeschützt an der Sonne bleiben». Darum findet auch sie: Sonnenschutz muss sein. Die Versorgung mit Vitamin D müsse über «einen sicheren Weg» erfolgen.
Dass ein solcher Weg gefunden werden muss, steht für Bischoff-Ferrari ausser Frage. Sie zitiert Untersuchungen aus Basel aus dem Jahr 2000, die zeigen, dass selbst im Sommer zwei von drei Personen über 65 mit Vitamin D «unterversorgt» sind. Noch ausgeprägter, so die Ärztin, ist das Defizit bei Menschen, die in Alters- oder Pflegeheimen leben. Hauptursache ist der Mangel an Sonne. Hinzu kommt, dass im Alter die Fähigkeit der Haut zur Vitaminproduktion schwindet.
Doch nicht nur alte Menschen haben zu wenig Vitamin D im Blut, sondern auch Schwangere und Stillende. Selbst jungen Menschen fehlt der Wirkstoff, so Bischoff-Ferrari, und zwar in den Wintermonaten, weil dann in unseren Breitengraden kaum noch UV-B-Licht auf die Erdoberfläche gelangt. Die höchsten Werte werden jeweils im September erreicht, dann fallen sie wieder ab. «Eine Speicherung findet kaum statt», so die Expertin. Deshalb werde derzeit weltweit diskutiert, Kinder und Erwachsene besser mit Vitamin D zu versorgen. Denn will man Krankheiten vorbeugen, braucht es stabile Vitamin-D-Spiegel das ganze Jahr hindurch.
«Der Nutzen von Vitamin D ist enorm»
Wie vielfältig die schützenden Wirkungen von Vitamin D sind, zeigt die Forschung der letzten Jahre. Erst kürzlich erschien eine Studie, nach der Kinder, die mehr Sonne abbekommen, besser vor Multipler Sklerose (MS) geschützt sind als andere. Die Mediziner machen Vitamin D für den Effekt verantwortlich; denn man weiss, dass es die Immunantwort ankurbelt. Eine grosse Studie der US-amerikanischen Harvard University mit Erwachsenen hatte im vergangenen Jahr gezeigt, dass Menschen mit hohen Vitamin-D-Werten im Blut seltener unter Multipler Sklerose litten.
Nachgewiesen ist der Zusammenhang von hohen Vitamin-D-Konzentrationen und einem geringeren Erkrankungsrisiko für Darmkrebs, für Lymphknotenkrebs, für Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs. Das Vitamin beschleunigt zudem die Wundheilung nach Hautverletzungen. Es verringert das Risiko für Bluthochdruck und für Diabetes Typ 1. Bei Kleinkindern beugt es Rachitis vor, es stärkt die Knochen sowie Muskelmasse und -kraft und wirkt Osteoporose entgegen, es kräftigt Zähne und Zahnfleisch. Zudem soll es gut für das Gedächtnis sein.
«Der Nutzen von Vitamin D ist enorm», sagt Heike Bischoff-Ferrari. Doch bislang gibt es Empfehlungen zur Einnahme nur für Säuglinge. Sie erhalten während des ersten Lebensjahrs 400 Internationale Einheiten (I. E.), verabreicht über Tropfen. Nach dem ersten Jahr werden zwei Tropfen täglich (200 I. E.) für ausreichend erachtet.
Wie hoch die richtige Dosis für Erwachsene ist, ist unklar. «Man ist sich aber weit gehend einig, dass 200 Einheiten bei weitem zu wenig sind», sagt Bischoff-Ferrari. Im Winter rät sie Erwachsenen zu mindestens 800 Einheiten zusätzlich, Personen über 65 sollten mindestens 800 Einheiten das ganze Jahr einnehmen. Schädliche Nebenwirkungen sind laut Bischoff-Ferrari bei diesen Dosierungen nicht zu befürchten. Preisgünstig ist das Vitamin zudem: Ein Fläschchen mit 10 Milliliter (45 000 I. E.) kostet nur 4.60 Franken.
Welch enorme Vitamin-D-Mengen der Körper benötigt, zeigen die Mengen, die er produziert: 10 000 bis 14 000 Einheiten bildet die Haut nach einem 20-minütigen ungeschützten Aufenthalt an der Sonne im Sommer – wobei es genügt, Gesicht und Handrücken zu exponieren.
Über die Ernährung sind solche Werte kaum zu erreichen, denn Quellen für Vitamin D sind rar. Einzig fetter Fisch enthält grössere Mengen davon, und während Wildlachs pro Portion 400 Einheiten liefert, sind es beim Farmlachs nur 240. «Um auf vernünftige Dosen zu kommen, müsste man täglich einen Löffel Lebertran schlucken», sagt Bernhard Hess. Das sei wohl niemand zuzumuten.
Wieso, fragt Dermatologe Dummer, reichern wir nicht einfach die Milch mit Vitamin D an, wie es in den USA gemacht wird? «Das wäre zwar eine Lösung, aber keine perfekte», sagt Heike Bischoff-Ferrari. Ein Glas angereicherte Milch enthalte lediglich 100 Einheiten, viel zu wenig also. Die Vitamin-D-Expertin schluckt täglich Tropfen. Für sie ist das «eine gute und günstige Gesundheitsvorsorge».
Quelle: Helga Kessler / Sonntagszeitung 2007
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